
Liebe Gemeinde,
Nun, ich bin sehr erfreut darueber, dass sich wohl einige schon Sorgen gemacht haben, ob ich noch lebe. Danke dafuer erstmal. Nun die ersten Tage waren schon ziemlich aufregend und spannend. Nachdem ich ja bei Sean 2 Tage Shooting verbracht habe, habe ich seitdem nichts mehr gemacht. Natuerlich habe ich meine eigene Kamera oft benutzt, doch was das abschauen und lernen von echten, coolen, hippen Starfotografen angeht, bin ich nicht weit gekommen. Zwar habe ich viele Kontakte geknuepft und erzaehle jedem immer fleissig, dass ich nach internships suche, doch bisher hat sich nichts ergeben. Vielleicht muss das ja auch so sein und ich muss lernen mal nichts zu tun, was ziemlich schwierig ist. Wer mich kennt, kann sich das schon denken. Aber so langsam komme ich dahinter: Ich stehe morgens frueh auf und kann machen was ich will. Eigentlich genau das, was mann immer machen sollte, wenn man im Urlaub ist. Und doch kann ich es nicht lassen: Staendig darueber nachzudenken, was ich tun soll, welches Projekt man machen kann, welche leute ich noch anrufen muss, wem ich noch schreiben, wen ich noch anrufen koennte um ein Praktikum zu bekommen. Ich weiss nicht ob es an mir liegt, dass ich immer auf 180 bin und was zwischen den Fingern brauche und ich meine Energie irgendwo rauslassen muss oder bin ich zu deutsch, um mal zu relaxen und nicht zu arbeiten. Staendig laesst sich Herr Gedanke 0815 bei mir blicken, um mir mitzuteilen, dass was tun muss um weiter zu kommen, das ich weiter fragen muss, weiter Telefonnummern sammeln muss. Ich kann ihn nicht verjagen. Ich bin noch so sehr auf diesen Gedanken fixiert, dass ich es nicht mal schaffe, mich wirklich fuer New York zu interessieren. Doch wuerde ich lesen und mich dafuer interessieren, was hinter den Fassaden von Chinatown steckt oder warum alle Nationen in New York vertreten sind und nicht in Iowa oder L.A., dann wuerde ich bestimmt automatisch auf Themen stossen, die mich interessieren. Doch die Geduld dafuer fehlt und darueber hinaus denke ich immer, ich muss es tun, sonst war ich in New York und kann nur wenig darueber erzaehlen, denn vom schauen allein, wird das Bild nicht das Beste. Mir fehlt der Inhalt. Es ist paradox.
Ich bin mir sicher, dass die Stadt ebenfalls ihren Teil dazu beitraegt. Sie ist hektisch, schnell und voller contests und competitions. das zerrt an den Nerven. Nicht das ich es nicht moegen wuerde. Ich liebe es. Aber es ist doch schwierig in einer Stadt wie NY zu sich zu finden und das Leben mal einfach das Leben sein lassen. Hola, wie einfuehlsam ich doch sein kann. HARR.
In drei Tagen werde ich in meine neue Wohnung einziehen. Es ist ein kleines Zimmer mit einer herrlichen Matratze und einem, durch eine gutbuergerliche Pappwand getrennt, Atelier-Wohnzimmer, was einer Loft gleich kommt. Viel Privatsphaere wird es nicht geben, doch das Leben in einer WG mit NYern wird mich freuen. Charlotte arbeitet in einer Galerie und ist selber Kuenstlerin. Die andere habe ich noch nicht kennen gelernt und wenn ich es richtig verstanden habe, werde ich sie auch nicht kennenlernen, das sie wohl nie da ist. Die neue Wohnung ist in Bushwick, was ein Stadtteil in Brooklyn ist. Hier scheint wohl der neue Hot Spot fuer Kuenstler und solche, die es noch werden muessen zu sein. Die Gegend ist rau, ein bissl verschandelt und nicht gerade der Eppendorfer Teil von Brooklyn. (Ich hoffe ihr ward schon mal in HH). Aber was
die ranzige Schanze so beliebt macht, macht eben auch diese gegend so beliebt. Ein paar leerstehende Lagerhaeuser werden zu Loft umfunktioniert, ein paar Ateliers und Showrooms hier und da und schon kommen auch die anderen Kuenstler, lassen sich nieder, die Gegend wird Hipp und teuer, und die Kuenstler ziehen in den naechsten Stadtteil. Dieses Ereignis spielt soch wohl seit einigen Zeiten ab. Angefangen in Dumbo, Brooklyn ueber Wiliamsburg, Brooklyn (unglaublich: Jeder ist anders angezogen und versucht isch mit den schraegsten Klamotten so stark wie moeglich vom anderen abzugrenzen. Trotzdem wohnen alle in einer Gegend, was die Sache wiederrum ein bisschen laecherlich macht.) und jetzt nach Bushwick, Brooklyn eben. Hippe Gegenden in Manhattan sind uebrigens: Soho (individuell und teuer) und Greenwich Village.
Ich bin also gespannt was die naechsten Wochen passieren wird und besuche weiterhin die Selbsthilfegruppe fuer workaholics. Was Bilder angeht: ich habe so viel fotografiert, dass ich das ganze Zeug erst mal aussortieren muss.
Hier aber schon mal ein bissl was aus Chinatown.
Es gruesst euch euer Pflock.